Seit Ende August steht im Makerspace Gießen eine Skulptur, mit der du dich unterhalten kannst: der Lahn Avatar. Du stellst ihr eine Frage, und sie antwortet dir aus der Perspektive des Flusses. Da ich im letzten Jahr einiges an ihrer Technik geschraubt habe, erzähle ich hier kurz, was hinter dem Projekt steckt und woran ich gearbeitet habe.
Entstanden ist der Avatar im Auftrag des Panel on Planetary Thinking der Uni Gießen. Das Künstlerduo Ingvild Syntropia und Danilo Olivaz hat ihn im Sommersemester 2025 als Fellows am Panel ins Leben gerufen. Ingvild hat die Skulptur gebaut, Danilo hat sich um die Hardware gekümmert, und das Backend, also die Serveranwendung, die die Antworten erzeugt, stammt von Mayowa Osibodu. Im Hintergrund arbeitet ein Sprachmodell, das mit Wissen über die Lahn gefüttert wurde. Zusätzlich flossen Live-Messwerte von Sensoren am Lahnfenster ein, etwa zu Wassertemperatur, pH-Wert und Sauerstoffgehalt.
Steckbrief
- Controller
- Raspberry Pi 5 im Inneren der Skulptur
- LEDs
- 12V WS2811 COB-LED-Streifen (RGBIC, 720 LEDs/m) am Holzring, dazu 5V-Streifen mit WS2812-LEDs in der Glasschale
- Steuerung
- Gespräche über die OpenAI Realtime API (Audio direkt zu Audio), Python-Backend
- Gebaut mit
- Ingvild Syntropia (Skulptur), Danilo Olivaz (Hardware), Mayowa Osibodu (Backend)
Was ich gemacht habe
#Als die Skulptur am 24. Juni 2025 vorgestellt wurde, lief noch alles lokal auf dem Raspberry Pi 5 in ihrem Inneren, inklusive Spracherkennung und Sprachausgabe. Das hat zwar grundsätzlich funktioniert, die Gespräche fühlten sich aber noch recht hölzern an: Weil der kleine Rechner alles selbst verarbeiten musste, dauerte es extrem lange, bis eine Antwort kam. Außerdem verstand der Pi sein Gegenüber oft nicht richtig, und die Stimme klang unnatürlich.
Kurz darauf bin ich ins Team gekommen, da das Fellowship der beiden auslief und das Projekt vor Ort weiterbetreut werden sollte. Zudem stand ein wichtiger Termin an: Auf der Abschlusskonferenz des Fellowship-Programms am Panel vom 18. bis 20. November 2025 sollte die Lahn in Form der Skulptur live an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Bis dahin musste sie deutlich schneller reagieren und natürlicher antworten. Zur Auswahl standen zwei Ansätze: eine klassische Pipeline aus Spracherkennung, dem Sprachmodell Gemma (gehostet bei der GWDG) und separater Sprachausgabe über den TTS-Anbieter Cartesia oder die OpenAI Realtime API, die Audio direkt zu Audio verarbeitet. Wir haben beide Varianten mit einem Skript verglichen und uns schließlich wegen der Geschwindigkeit für die Realtime API entschieden.
Mein Part war die Softwareentwicklung auf dem Raspberry Pi, also für den Teil, der zuhört, die Aufnahme an den Server schickt, die Antwort abspielt und parallel das Licht steuert. Gerade bei der Beleuchtung gab es einiges zu tun: Die alten LED-Streifen am Holzring versprühten ein ziemliches Imbissbuden-Flair und mussten weichen. Jetzt sitzen dort eng bestückte COB-LED-Streifen (12V WS2811 RGBIC mit 720 LEDs/m), die eine homogene, durchgehende Lichtlinie erzeugen. In die Glasschale, die die Skulptur im Präsentationsmodus aufgesetzt bekommt, habe ich außerdem 5V-Streifen geklebt (siehe Video), die eigentlich für die Ambiente-Beleuchtung im Auto gedacht sind. Da im Kern normale WS2812-LEDs verbaut sind, lassen sie sich direkt über die Datenleitung ansteuern.
Dabei schlich sich allerdings ein tückischer Bug ein: Liefen im Präsentationsmodus beide LED-Streifen gleichzeitig, fror das Programm ab und zu ein. Auf der Konferenz schlug dieser Vorführeffekt natürlich prompt zu. Zu allem Überfluss war vor Ort auch noch das WLAN überlastet, sodass die Podiumsdiskussion nicht ganz so reibungslos lief wie geplant. Im Normalbetrieb steht die Skulptur aber ohne Glasschale da. Dann läuft nur ein Streifen und der Fehler tritt nicht auf. Gut möglich, dass sich das Problem durch Updates der LED-Library inzwischen erledigt hat, getestet habe ich das Setup mit beiden Streifen seitdem aber nicht mehr.
Wo sie heute steht
#Nach der Konferenz stand die Skulptur bis kurz vor Weihnachten im Lahnfenster. Weil der Platz dort anderweitig gebraucht wurde, musste sie umziehen und verbrachte die Zeit bis Ende August 2026 ausgeschaltet in einer Ecke am Panel. Zu allem Überfluss lief im März auch noch Wasser in den Sensorkasten am Lahnfenster, weshalb es seitdem keine aktuellen Messdaten mehr gibt.

Ende August 2026 ist sie schließlich an ihren Ursprungsort zurückgekehrt: Sie hat ein neues Zuhause im Makerspace Gießen gefunden, wo sie damals auch gebaut wurde. Beim Umzug habe ich dem Raspberry Pi ein komplettes Update verpasst, meinen Code überarbeitet, die Webseite aufgeräumt und das Backend auf den aktuellen Quellcode von Danilo und Mayowa gehoben, den die beiden für ähnliche Avatar-Projekte an anderen Orten weitergepflegt haben. Jetzt kann sie dort jeder besuchen, und sie läuft so rund wie noch nie.
Während die Skulptur die Leute in ihrer ersten Fassung durch ihre Trägheit noch eher gelangweilt hat, funktioniert der Austausch inzwischen richtig gut und bringt einem die Sichtweise der Lahn auf eine schöne Art näher. Wenn du in Gießen bist, schau im Makerspace vorbei und frag die Lahn einfach selbst, wie es ihr geht!
Alternativ kannst du auch direkt im Browser mit ihr sprechen: lahn-avatar.uni-giessen.de.
Übrigens sind wir gerade auf der Suche nach neuen Fördergeldern, um die Sensoren zu ersetzen und das Projekt langfristig zu sichern.
Alle Links zum Projekt findest du unter linktr.ee/river_avatar, den Quellcode unter git.shannes.de/stani/lahn-avatar.
